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«Heute nehmen die Grossmächte viel stärker Einfluss auf die Konjunktur»

Sie traut dem US-Zolldeal nicht ganz, setzt auf Annäherung an Europa und will mehr junge Frauen in Technik­berufen: Die PB-Swiss-Tools-Chefin über ein anstrengendes Wirtschaftsjahr.

Swissavant
Wallisellen, Schweiz


Erschienen in der perspective im März 2026


2025 war ein verrücktes Jahr für die Schweizer Exportwirtschaft. US-Präsident Donald Trump verfügte hohe Zölle wegen des Handelsbilanzdefizits mit der Schweiz. Gleichzeitig schwächelt der wichtige Exportpartner Europa, der Wert des Frankens nimmt zu. Mittendrin steht das Berner Unternehmen PB Swiss Tools mit 200 Mitarbeitenden, das von Wasen im Emmental seine Werkzeuge und medizinischen Instrumente weltweit exportiert.

Dennoch blickt die Verwaltungsratspräsidentin Eva Jaisli optimistisch in die Zukunft. Als Vizepräsidentin des Branchenverbands Swissmem rät sie Firmen in der Branche, in Zukunft auf mehrere Standbeine und Märkte zu setzen. Anders als viele exportorientierte Firmen ist PB Swiss Tools nicht für Kurzarbeit angemeldet.

Wie haben Sie als Unternehmerin reagiert, als Trump 39 Prozent Zoll für die Schweiz angekündigt hat?
Wie ganz viele andere mit grosser Überraschung. Wir hofften auf 15 Prozent und darauf, gleich lange Spiesse wie unsere europäischen Mitbewerber zu erhalten. Nun war uns klar, dass wir so die Wettbewerbskraft verlieren. Der erste Gedanke war: Was bedeutet das für unsere Kunden?

Sagten Sie den Kunden: «Jetzt sofort bestellen, bevor die Zölle in Kraft treten»?
Das haben wir schon vorher gemacht. Von der Ankündigung im April bis zum 1. August haben wir realisiert, dass wir nicht damit rechnen können, dass sich die Tarifbestimmungen vorhersehbar verhalten. Deshalb haben unsere Kunden in den USA auf unser Anregen hin die Lagerbestände erhöht.

Nun konnte der Bundesrat mit einem teuren Deal die Zölle senken.
Wir nehmen mit Respekt zur Kenntnis, was der Bundesrat und das Seco-Team bei den Verhandlungen erreicht haben. Jetzt ist die Frage: Ist der Deal zuverlässig? Die Unsicherheit bleibt bestehen, und das ist für eine Konjunktur das Schlechteste.

Wie wichtig sind in der aktuellen Situation die Bilateralen III mit der EU für die Schweizer Exportindustrie?
Sie sind unglaublich wichtig, weil wir geregelte Beziehungen zu unseren europäischen Märkten brauchen. Besonders bei medizinischen Instrumenten galten wir lange als Drittstaat. Wir mussten eine Behörde engagieren, die uns im europäischen Raum vertritt, was ein administrativer Aufwand war.

Was konkret ist der Vorteil im Export für Ihr Unternehmen, wenn die Bilateralen III durchkommen?
Wir können mit unserem wichtigsten Exportmarkt die Arbeits- und Ausbildungsplätze sichern und zum Wohlstand in der Schweiz beitragen. Wir haben damit eine klare Anerkennung unserer Produkte. Wir müssen die Produktsicherheit nicht zusätzlich beweisen oder zusätzliche Erklärungen abgeben, sondern haben die gleichen Voraussetzungen wie unsere Mitbewerber im europäischen Raum.

Es gibt Gegenwind, etwa das Argument der «fremden Richter». Ist das eine Herausforderung?
Wir liefern unsere Produkte seit Jahrzehnten in alle Kontinente. Somit sind wir es gewohnt, dass unterschiedliche Absatzmärkte auch andere Anforderungen haben – von der Länge einer Schraubenzieherklinge bis zu den Rohmaterialien. Wir haben im Dachverband die dynamische Rechtsübernahme detailliert studiert und erkennen die Chance, in Zukunft ein gewisses Mitspracherecht zu haben.

Es gibt auch einflussreiche Unternehmer, die gegen die Verträge sind, darunter Fredy Gantner. Warum sind die Interessen so verschieden?
Wir haben eine freie Meinungsbildung, und ich möchte mich nicht zu Einzelpersonen äussern. Es ist aber interessant, zu schauen, wer aus welchem Wirtschaftssektor in die Diskussion steigt. Nicht in jedem Sektor herrschen dieselben Interessen.

Hohe Zölle aus den USA, Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten. Dreht sich die Welt schneller als früher?
Das ist effektiv so. Heute nehmen die Grossmächte viel stärker Einfluss auf die Konjunktur, beispielsweise über Zölle oder Importbestimmungen. Es ist eine multipolare Welt mit autokratischen Wirtschaftsmächten, die durch Machtpolitik eine hohe Planungsunsicherheit verursachen. Wir reflektieren permanent, ob unsere Strategie noch richtig ist, was aufgrund der Komplexität ein Kraftakt ist.

Wie geht man mit den globalen Verwerfungen in den USA, China und der EU um?
Indem man nach Möglichkeit diversifiziert und verschiedene Standbeine aufbaut. Wir haben das Standbein der medizinischen Instrumente und das der Qualitätswerkzeuge. Auch in den letzten Monaten hatten wir Wachstum im Verkauf medizinischer Instrumente.

Können wir den Werkplatz Schweiz aufrecht­erhalten?
Tausende KMU haben in Krisensituationen bewiesen, dass sie anpassungsfähig sind. Ich glaube daran, dass wir das können, aber wir brauchen starke politische Unterstützung, gute Rahmenbedingungen und einen liberalen Arbeitsmarkt.

Ein großes weißes Gebäude mit rot umrahmten Fenstern und der Aufschrift PB SWISS TOOLS steht neben einer Straße mit parkenden Autos, umgeben von grünen Hügeln und verstreuten Häusern in einer ländlichen Gegend.

Der Sitz von PB Swiss Tools in Wasen im Emmental.

Droht eine Deindustrialisierung im Kanton Bern?
Das kommt auf die Rahmenbedingungen und die konjunkturelle Entwicklung an. Wenn ich beispielsweise auf die krisenresistenten Unternehmen im Emmental schaue, die laufend investieren, sehe ich das für die nächsten Jahre nicht. Aber wir sind exportorientiert. Entscheidend wird unter anderem sein, wie attraktiv Forschung und Bildung bleiben. Auch künftig sollen viele junge Menschen eine Lehre in der Industrie machen können. Das duale Schweizer Berufsbildungssystem macht im internationalen Wettbewerb einen grossen Unterschied aus.

Liegt der Schlüssel im Nachwuchs?
Ja. Wir versuchen auch, mehr Frauen für unsere Berufe zu gewinnen. Wir haben eine angehende Spritzgusstechnikerin und eine Praktikantin im Maschinenbau. Die Attraktivität technischer Berufe ist für viele junge Frauen noch nicht greifbar genug. Wir müssen unsere Türen weiter öffnen und zeigen, dass wir in der Techbranche Lösungen für die Gesellschaft entwickeln.

Hat sich bei der Frauen­förderung genug getan?
Wir machen Anstrengungen, aber das Tempo ist nicht so, wie ich es mir wünsche. Es hat sich aber viel getan: In meiner ersten Anstellung in Bern gab es auf dem Stockwerk meines Arbeitgebers nicht einmal Frauentoiletten, und ich musste zum Confiseur nebenan. Die Sensibilisierung und die Gleichstellung sind fortgeschritten, aber nicht erfüllt. Wir haben divers zusammengesetzte Teams in Politik und Wirtschaft. Der Frauenanteil in der Führung wächst langsam. Mit einem Drittel Frauen auf allen Stufen in unserer Firma sind wir unterwegs, den Anteil zu halten und auszubauen.

Ein wichtiges Produkt von Ihnen sind Schrauben­zieher, auf den ersten Blick kein spezielles Nischenprodukt. Wie schaffen Sie es, gegen die günstige Konkurrenz im Ausland zu bestehen?
Es ist ein absolut verlässliches Handwerkzeug, das Profis und Heimwerkende ein Leben lang im Einsatz haben und an die nächste Generation weiterschenken.

Was kommt 2026 auf die Schweiz zu?
Ich gehe davon aus, dass die Vernehmlassung zu den Bila­te­ra­len III abgeschlossen wird und die Diskussion im Parlament zu einem Konsens führt. Das ist wichtig angesichts der unsicheren Situation in den USA. Im Weiteren geht es darum, weitere Freihandelsabkommen zu ratifizieren und zu modernisieren. Danach werden sich Unternehmer wieder verstärkt auf Chancen in neuen Märkten konzentrieren, etwa durch die Freihandelsabkommen mit Indien und dem Mercosur. PB Swiss Tools schliesst in Indien gerade eine Marktanalyse mit Switzerland Global Enterprise ab, die von der Wirtschaftsförderung im Kanton Bern unterstützt wird.

Bleibt der Personalmangel auch 2026 akut?
Wir haben eine Arbeitslosenquote von 2,8 Prozent in der Schweiz. Das ist für Betroffene schwierig, allerdings ist es ein tiefer Wert. In der Schweizer Techindustrie haben die Voranmeldungen für Kurzarbeit stark zugenommen. Aufgrund des über neun Quartale erfolgten Nachfragerückgangs und der Schwierigkeiten mit dem US-Markt ist die Auslastung reduziert. Wenn sich das nicht bessert, müssen wir mit höheren Zahlen Erwerbsloser rechnen.

Was sagen Sie zur Forderung von Gewerk­schaften nach besseren Löhnen in der Industrie?
Wir machen seit Jahrzehnten Lohnvergleiche, weil wir an einem fairen Lohnsystem interessiert sind, bei dem man den Mitarbeitenden in die Augen schauen kann. Ich kenne alle hier im Betrieb mit Namen. Wir pflegen die Sozialpartnerschaft und sind kontinuierlich im Gespräch. Ein erfolgreiches Unternehmen in der Schweiz hat Arbeitsbedingungen, die auf einem Dialog auf Augenhöhe basieren.

Eine Frau in rot-schwarzer Uniform und Mütze inspiziert oder repariert Maschinen unter einem großen Fahrzeug, wobei sie sich auf die Verkabelung und Komponenten konzentriert. Sie arbeitet mit Werkzeugen in einer industriellen Umgebung.

Ihre Kontaktperson

Martin Gerisch

Martin Gerisch

Leiter perspective

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